Angriff auf das Nervensystem – die untypische Seite rheumatischer Erkrankungen

SDubbert_AAk-AK_Hamburg_2015Im Frühjahr fand in Hamburg ein Arbeitskreis der EUROIMMUN AG zur Antikörperdiagnostik statt – eine regelmäßig angebotene Informations-/Fortbildungsveranstaltung für Ärzte und medizinisches Personal. Gastreferent war diesmal unter anderem der Rheumatologe Dr. med. Sven Dubbert aus der Rheumapraxis Twistringen. Sein Vortrag über Autoantikörper-Screening in der Neurologie und Psychiatrie eröffnete spannende Einblicke in die Komplexität der rheumatischen Erkrankungen.

Krankheiten des rheumatischen Formenkreises, wie die Bindegewebserkrankung Systemischer Lupus erythematosus (SLE), sind Autoimmunerkrankungen, die auf eine Fehlsteuerung des Immunsystems zurückzuführen sind. Antikörper gegen körpereigene Strukturen sind ein sehr charakteristischer Hinweis auf eine solche Autoimmunerkrankung und ihr Nachweis stellt eine zum Teil wichtige Grundlage für die Diagnose dar. In den meisten Fällen von SLE lassen sich in den Blutproben der Patienten Antikörper gegen Zellkerne (ANA), insbesondere gegen Desoxyribonukleinsäure (Anti-doppelsträngige DNA-Antikörper) nachweisen. Typische Symptome der Bindegewebskrankheit, die überwiegend bei Frauen auftritt, sind eine schmetterlingsförmige Hautrötung (Erythem) über Nasenrücken und Wangen sowie starke Muskel- und Gelenkschmerzen. Weitere Organsysteme wie das Herz, die Lunge oder die Nieren sind mitunter ebenfalls betroffen.

Doch kann der SLE in selteneren Fällen sogar mit schweren neurologischen Beschwerden einhergehen. So berichtete Dr. Dubbert auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (2014) von einer 31-jährigen Patientin. Mehr als drei Jahre nach der Diagnose des SLE entwickelte die junge Frau plötzlich eine Paraplegie (vollständige Lähmung der Beine), und eine transversale Myelitis, eine akute Entzündung des Rückenmarks, wurde festgestellt. Die Patientin erhielt eine immunsuppressive Behandlung und ihr Blutplasma wurde komplett ausgetauscht (Plasmapherese). Bereits 15 Tage nach Therapie-Beginn hatte sich die neurologische Symptomatik fast vollständig zurückgebildet. Mittlerweile kann die Patientin ihren Alltag wieder ohne Einschränkungen bewältigen.

Schwieriger wird die Behandlung für Ärzte, wenn sich Autoimmunkrankheiten wie SLE oder andere auch rheumatische Erkrankungen bei Patienten mit ausschließlich neurologischen oder psychiatrischen Beschwerden äußern. Diese Patienten werden häufig zunächst auch neurologisch/psychiatrisch therapiert, obwohl stattdessen möglicherweise eine Immunsuppression angezeigt wäre. Es stellt sich somit die Frage, wie viele Patienten mit Psychosen, Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen in die Psychiatrie überwiesen werden, die tatsächlich an einer nicht-diagnostizierten autoimmunologischen Erkrankung leiden. Zahlen aus den Jahren 2013 und 2014, die Herr Dubbert präsentierte, zeigen, dass zwischen 1 bis 2 % der Patienten, die pro Jahr in eine psychiatrische Abteilung aufgenommen wurden, an einer rheumatischen Autoimmunerkrankung unter Beteiligung des Nervensystems litten. Über ähnliche Fälle wurde in der letzten Zeit vermehrt auch im Zusammenhang mit der Anti-NMDAR-Enzephalitis berichtet. Diese äußert  sich ebenfalls mit schweren psychiatrischen Symptomen, die den Verdacht des Arztes und damit die Behandlung in eine falsche Richtung lenken können. Für Dr. Dubbert zeigen diese neuen Entwicklungen, dass sich Autoantikörper-Screenings auch in der Psychiatrie lohnen, damit Fehldiagnosen vermieden werden und Patienten rechtzeitig eine geeignete Behandlung erhalten können.

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