In einer retrospektiven Fallstudie wurde eine Autoimmunität gegen den Inositol-1,4,5-Triphosphat-Rezeptor Typ 1 (ITPR1) als mögliche Ursache eines kognitiven Verfalls identifiziert, der der Alzheimer-Krankheit ähnelt. Die Ergebnisse wurden von Forschungsgruppen aus Norwegen und Deutschland in Zusammenarbeit mit Euroimmun veröffentlicht.
Patient mit akuter Verschlechterung
Die Studie beschreibt einen 58-jährigen Patienten, der unter akuter Verwirrung, rasch fortschreitendem kognitiven Abbau und Halluzinationen litt. Bemerkenswert ist, dass bereits über mehrere Jahre eine leichte kognitive Beeinträchtigung bestanden hatte. Die Analyse der Cerebrospinalflüssigkeit (CSF) zeigte einen erniedrigten Amyloid‑beta‑42‑Wert und einen erhöhten Gesamt‑Tau‑Wert, was zunächst auf eine Alzheimer-Krankheit hindeutete. Aufgrund atypischer Befunde wie Pleozytose, intrathekaler IgG‑Synthese und einer Störung der Blut‑CSF‑Schranke wurde jedoch eine weitergehende Diagnostik hinsichtlich autoimmuner Ursachen veranlasst.
Umfassendes Autoantikörper-Screening
Die initialen Tests auf bekannte neuronale und paraneoplastische Autoantikörper – ebenso wie ANA, ANCA und Rheumafaktor – waren negativ. Auch das PCR-basierte Screening auf verschiedene virale und bakterielle Erreger ergab keine pathologischen Befunde. Aufgrund der fortschreitenden klinischen Verschlechterung wurde anschließend ein erweitertes Panel neuartiger und seltener neuraler Autoantikörper in einem externen Referenzlabor (Labor Stöcker, Groß Grönau, Deutschland) untersucht.
IgG-Antikörper gegen ITPR1 wurden im Serum des Patienten mittels indirektem Immunfluoreszenztest (IIFT) sowohl an Hirngewebeschnitten als auch in einem zellbasierten Assay nachgewiesen. Letzterer ist eine spezielle IIFT-Technik, bei der transfizierte Zellen, die das Zielantigen exprimieren, als monospezifisches Substrat verwendet werden. Auch die CSF-Proben des Patienten waren im zellbasierten Assay positiv für ITPR1‑IgG. Die Anti‑ITPR1‑Reaktivität im Serum wurde durch unabhängige Assays in einem weiteren Labor bestätigt.
Die umfassenden serologischen Untersuchungen waren ansonsten negativ für Autoantikörper gegen: Hu, Yo, Ri, ANNA‑3, Tr/DNER, Myelin, Ma1, Ma2/Ta, GAD65, Amphiphysin, AMPA‑Rezeptoren, NMDA‑Rezeptoren, GluRD2, mGluR1, mGluR5, GABAA/GABAB‑Rezeptoren, Glycinrezeptoren, LGI1, CASPR2, ZIC4, DPPX, CARPVIII, Rho-GTPase‑aktivierendes Protein 26/Anti‑Ca, Homer‑3, MOG, AQP4, Recoverin, Neurochondrin, Flotillin‑1/2, IgLON5, Neurexin‑3‑alpha, ERC1, Sez6I2, AP3B2, Contactin‑1, Neurofascin‑155, Neurofascin‑186, AT1A3, KCNA2 und Dopamin‑Rezeptor 2.
Heterogene Krankheitsentität
Neben dem kognitiven Verfall zeigte der Patient eine ausgeprägte Rumpfinstabilität mit Standunsicherheit sowie eine schwere Apraxie. Eine ITPR1‑Autoimmunität wurde bereits zuvor mit einer breiten Vielfalt neurologischer und neuropsychiatrischer Symptome in Verbindung gebracht, was die weitverbreitete Expression des Rezeptors im zentralen und peripheren Nervensystem widerspiegelt. Sie gilt als fakultativ paraneoplastische Erkrankung, wobei im vorliegenden Fall kein Tumor nachgewiesen wurde. Die immunsuppressive Therapie stabilisierte den Krankheitsverlauf, führte jedoch zu keiner deutlichen klinischen Besserung.
Zusammenfassung
Diese Fallstudie verdeutlicht, wie wichtig es ist, bei Patienten mit bekannter oder vermuteter Alzheimer-Krankheit und rasch progredientem kognitivem Abbau eine autoimmune Enzephalitis – einschließlich seltener oder neu entdeckter Formen – in die Differenzialdiagnose einzubeziehen.
Lesen Sie die vollständige Studie im Journal of Neuroimmunology:
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