Gastbeitrag:

Neunter Beitrag der Artikelreihe: Moderne Mykologie in der Dermatologie

von Herrn Prof. Hans-Jürgen Tietz, Leiter des Instituts für Pilzkrankheiten, Berlin

Kürzlich verabschiedete sich ein Patient mit den Worten: „Wenn wir mit der Kultur nicht durchkommen, dann möchte ich den Gentest. Meine Kasse spielt mit“.  Das klang wie eine Kriegserklärung des 75-Jährigen an den Pilz. Eine gleichaltrige Dame sagte uns: „Das liebste konnte ich zuletzt nicht machen, das Reisen. Dafür leiste ich mir jetzt eine PCR für meine Nägel“.  Ein 16-Jähriger erschien mit dem Wunsch: „Das ist doch kein Pilz, mein Arzt meint, es wäre einer. Ich möchte gerne Klarheit, mit der PCR“.

Es war tatsächlich keine Mykose, eine Onychogrypose, schon klinisch nicht. Synonyme sind Holz-, Borken-, Krumm- oder Krallen- bzw. „Gletscher-Nagel“. Die von Rudolf Virchow als Onychogrypose definierte Nagelerkrankung, die in der Tat am häufigsten mit einer Onychomykose verwechselt wird, ist eine immense Verhornung der Nägel mit oft abnormen Verformungen. Die Nägel sind dabei so hart, dass man sie kaum noch schneiden kann, im Unterschied zur Onychomykose, bei der die Nägel verdickt sein können, aber weich und porös sind. Der jungen Mann bestand trotzdem auf einer PCR: „Ich will es genau wissen. Wie bei uns in der Schule zum Ausschluss von Corona“.  Das Ergebnis war negativ, aber trotzdem wertvoll. Denn Zweiflern gegenüber ist die PCR das stärkste mikrobiologische Argument für und gegen eine Mykose. „Damit bin ich nicht ansteckend“ war sein Trost.

Etwa 50% aller Nagelveränderungen sind nicht pilzbedingt. Zwar ist die Onychomykose die häufigste Nagelerkrankung, aber nicht die einzige, was nur wenige Patienten wissen. Einen ebenfalls hohen Leidensdruck besitzen toxisch-irritative Ekzeme (Vorsicht bei kosmetischen Nagellacken), die isolierte Nagelpsoriasis (Blutdrucksenker) und andere nicht infektiöse Dermatosen (Lichen ruber). Eine kleine differenzialdiagnostische Nagelkunde aus unserer Praxis ist kürzlich unter dem Titel „Nagelveränderungen“ erschienen.

Wie unsere Patientenbeispiele zeigen sind wir irgendwie alle Epidemiologen geworden. Gefühlt ist inzwischen jede Anamnese auch ein Corona-Gespräch. Begriffe wie FDA oder die Firma hinter Biontech, sind niemandem mehr fremd. Ebenso die Möglichkeiten der PCR. Auch ein junger Mann in meiner Praxis hatte den Wunsch, herauszufinden, welcher Erreger ihn schon so lange und heftig plagt. Es war ein therapierefraktärer „Thailand-Pilz“ namens T. mentagrophytes Typ VII, welcher das Erregerspektrum in der Mykologie ebenso bereichert hat, wie T. erinacei oder T. benhamiae, die schon vor Corona endemisch wurden. Das Virus hat dem Typ VII-Erreger noch zusätzlich Auftrieb verschafft, etwa durch Schließungen der Bordelle, wodurch die illegale Prostitution aufblühte. Er ist zudem der erste Dermatophyt, der in die Kategorie Sexually Transmitted Diseases (STD) aufgenommen wurde.

Viel Neues also in der Mykologie, vom Erregerspektrum, über die Diagnostik bis zur Therapie. Als inzwischen langjähriger Mykologe bin ich stolz darauf, in der Sprechstunde eine der größten Errungenschaften der Mykologie der letzten Jahre anbieten zu können – die PCR. Auch die Patienten sind davon überzeugt, nicht zuletzt dank des Wissensschubs durch Corona. Nie war die mykologische Diagnostik so präzise und schnell, die PCR in aller Munde, auch bei den Pilzen.

Wer hätte das gedacht. Sicher lässt sie uns auch beim bevorstehenden Ringversuch nicht im Stich. Gemunkelt wird, das ein schwieriger Erreger mit dabei sei. Es bleibt also spannend. In jeder Hinsicht.

Herzlichst und weiterhin viel Erfolg

Ihr Hans-Jürgen Tietz

Abb. 1: Onychogrypose bei einem 16jährigen Schüler. Abb. 2: T. mentagrophytes Typ VII („Thailandpilz”): Klinik und Heilverlauf nach Therapie mit Itraconazol (oben). PCR-Befund unter initialer Therapie mit Terbinafin, mit dem Microarray dermatomycosis, EUROIMMUN (unten).

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