Gastbeitrag:

Erster Beitrag der Artikelreihe: Moderne Mykologie in der Dermatologie

von Herrn Prof. Hans-Jürgen Tietz, Leiter des Instituts für Pilzkrankheiten, Berlin

 

Die Mykologie ist eines der schönsten Gesichter der Dermatologie. Einen T. soudanense, T. violaceum oder T. benhamiae auf einer Petrischale zu bewundern, ist ein ästhetischer Genuss. Jeder der mich kennt weiß, wie sehr mein Herz an den wunderbaren Pilzkulturen hängt, die uns die Mykologie seit Jahrzehnten schenkt. Bei jeder Gelegenheit habe ich sie leidenschaftlich verteidigt und dafür geworben, sie auf keinen Fall aufzugeben, auch aufgrund ihrer Erschwinglichkeit für alle Patienten. Lange habe ich daran festgehalten, obwohl wir bereits 2001 mit unserem Doktoranden Mustafa El Fari aus Plästina an der Charité die erste Gensonde zum Nachweis T. rubrum aus Nagelmaterial entwickelt und im British Journal of  Dermatology veröffentlicht hatten, viele Jahre jedoch begleitet von unserer Skepsis gegenüber der aufkommenden kommerziellen Gendiagnostik: Zu viele falsch positive Befunde, zu groß der Aufwand, zu wenig ausgereift die ersten Systeme, zu schmal im Spektrum, zu ungenau die Diagnosen wie „Trichophyton spezies“. Die konventionellen Pilzkundler waren an dieser Stelle über Jahre besser, wie viele erfolgreiche Ringversuche zeigten.

„Wie sind Sie dann vom „Saulus zum Paulus“ geworden?“ , wurde ich auf einem Pilzseminar in Hannover gefragt, wo ich vor knapp drei Jahren mit Begeisterung unsere ersten PCR-Erfolge präsentierte. Das Bibel-Zitat habe ich später als Lob aufgefasst, ist doch die Geschichte des Saulus eine Wandlung zum Guten – wenn man so will, von der altehrwürdigen, grandios schönen, aber mit Täuschungen und Enttäuschungen behafteten Kultur, eine Sphinx, die uns nicht selten ganz im Stich lässt, wenn ich an deren hohe Ausfallquote bei der Onychomykose denke, hin zur exakten und temporeichen PCR. Eine Methode, die 1993 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde, an der auch unser Lehrer, der Gerichtsmediziner Prof. Otto Prokop, seine helle Freude hatte. Als Vater der Blutgruppen-Serologie und forensischer Genetiker sah er anlässlich der Einweihung des ersten DNA-Labors für gerichtliche Medizin an der Charité in der Gendiagnostik auch die Zukunft in der Mikrobiologie.

Der Groschen fiel bei mir viel später, inspiriert nach einem Besuch an der Hautklinik in Lübeck. Dort bewunderten wir einen schönen weinroten T. mentagrophytes vom Typ VII (s. Titelbild), den die Kollegen bereits Wochen vorher mit der PCR diagnostiziert hatten, ohne auf das Ergebnis der Kultur warten zu müssen. Der „Thailandpilz“ ist häufig resistent gegenüber Terbinafin, was für eine möglichst rasche und korrekte Therapieentscheidung wichtig ist. In der Kultur verliert der Erreger schnell sein typisches Pigment und ist dann als solcher nicht mehr erkennbar. Die PCR bleibt dagegen stabil, weil sie nicht am Phänotyp ansetzt, sondern das Erbgut des Erregers nachweist.

Das Prinzip der PCR (Polymerase-Ketten-Reaktion) ist denkbar einfach. Wie alle anderen Täter hinterlassen auch Pilzerreger am Ort des Geschehens, der Infektion, eine Gen- Spur, ihre DNA, die man aus dem Probenmaterial gewinnen und biochemisch vermehren kann, die eigentliche PCR, um sie letztlich mit komplementären Gensequenzen täterspezifisch zu überführen. In diesem Moment war es um mich geschehen.

Die Wahl fiel auf den EUROArray Dermatomycosis, eine ausgereifte, mit wissenschaftlichen Preisen überhäufte Objektträger- Methode, die auf DNA-Chips beruht und vollautomatisiert in jeder Praxis durchführbar ist. Einer ihrer großen Vorteile ist das breite Nachweisspektrum, welches alle dermatologisch relevanten Dermatophyten, Hefen und Schimmelpilze umfasst -ein Geschenk des Himmels, auch angesichts des in der Mykologie immer breiter werdenden Erregerspektrums.

Ich gebe zu, diese Diagnostik hat nichts mehr mit dem Glanz einer traumhaft schönen Pilzkultur zu tun. Sie ist jedoch schnell, unabhängig von der Anzucht des Erregers, die oft nicht gelingt, und unbestechlich präzise. Man besteht damit auch jeden Ringversuch, ohne Herzklopfen.

Die PCR hat auch strategisches Potential. Denn wenn sich der auch wirtschaftlich erstmals in der Mykologie lohnenswerten Gendiagnostik noch mehr Kolleginnen und Kollegen zuwenden, anstatt aufgrund der hohen staatlichen Auflagen bezüglich der Kultur die Mykologie gänzlich aufzugeben, würde das auch den Fortbestand der Mykologie in der Dermatologie insgesamt sichern. Auch aus fachlicher Sicht gehört die PCR unter Obhut der praktischen Ärzte. Denn sie beginnt nicht im Labor und endet auch nicht dort. Der klinische Blick, die fachgerechte Probenentnahme, ebenso die plausible Einordung der Testergebnisse sind nicht ersetzbar, getreu dem über Jahrzehnte bewährten Prinzip von Diagnostik und Therapie in einer Hand.

Wenn ich nach all den Jahren vom Saulus zum Paulus werden konnte, dann schaffen Sie das erst Recht. Davon bin ich als „Unioner“ eisern überzeugt.

Wir möchten Ihnen hierbei Mut machen und Sie mit einer kleinen Kolumne auf diesen spannenden Weg begleiten.

Herzlichst und bis bald, Ihr Hans-Jürgen Tietz  

 

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