Der Name ist Programm: 12 Künstler und 12 Betriebe bilden in dem von der Künstlerin Bettina Thierig initiierten Projekt „KunstBetriebe“ ein Team. Ziel ist es, nachhaltige Partnerschaften zwischen Wirtschaft und Kultur zu schaffen. Dabei erstellen die Künstler – auf Basis ihrer eigenen künstlerischen Idee – Skulpturen mit den in den Betrieben vorhandenen Werkstoffen und Materialien.

Keine leichte Aufgabe in einem Unternehmen für medizinische Labordiagnostika, wie Anke Müffelmann selbst zugibt. Sie arbeitet seit über 20 Jahren als freischaffende Keramikkünstlerin, Kuratorin und Projektinitiatorin in der Kunstszene Schleswig-Holsteins. Zur Keramik fand sie während eines Studienjahres in Portugal. Zur Zusammenarbeit mit EUROIMMUN ist es nun im Rahmen des Projekts „KunstBetriebe“ gekommen.

„Als Künstlerin beobachte und beschreibe ich, aber ich werte nicht“, so Anke Müffelmann. „Wenn ich auf Dinge stoße, die mich interessieren, versuche ich sie mit meinen Mitteln zu beschreiben.“ Für den Beginn ihrer Arbeit mussten diese Mittel aber zunächst einmal „gefunden“ werden. Mehrere Tage sah sich die Künstlerin an den Firmenstandorten in Dassow und Lübeck um, sprach mit Mitarbeitern und ließ Eindrücke auf sich wirken, um Inspiration für ihre Arbeit zu finden.

„Ich habe viel beobachtet und einen intensiven Einblick in die Arbeit und das Selbstverständnis des Unternehmens erhalten. Das System des Unternehmens habe ich noch immer nicht vollständig verstanden“, lacht Anke Müffelmann, „aber ich habe die Erkenntnis, dass es ein in sich funktionierendes System ist.“

Diese Beobachtung ließ Anke Müffelmann in ihre Arbeit einfließen, indem sie das Material Granit wählte. Aus ihm sind die massiven Steinsockel gefertigt, in die keramische Objekte eingebunden sind. Die Sockel wurden von EUROIMMUN nach ihren Vorgaben im Unternehmen hergestellt. „Ich habe dieses Material gewählt, weil es in allen Zweigstellen des Unternehmens, auch international, verwendet wird“, erklärt Anke Müffelmann. „Es hat ein bisschen was von der Wiedererkennbarkeit eines Hotels. Egal, an welchem Standort ich mich befinde, ich finde immer das gleiche Material vor. Das gibt zum einen das Gefühl „zu Hause“ zu sein, kann aber auch sehr irritierend sein, weil ich mich frage, wo bin ich auf dieser Welt.“ Als weiteren Aspekt der Identifikation habe sie Laborkittel verwendet, die sie mithilfe der Latexstrukturen in der Oberfläche punktuell verändert habe, ergänzt Anke Müffelmann.

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Grundlage ihrer sechs Keramikobjekte ist ihr persönliches Neuro-Mosaik. Die Biochips hätten sie interessiert, und die Strukturen, die genutzt werden, so die Künstlerin. Also entwickelte sie das Selbstbildnis als Konzept – die „Bilder“ ihres Blutes für ihre Arbeit einzusetzen. „Die Auseinandersetzung mit dem Gesundsein/Kranksein war sehr anstrengend“, gibt Anke Müffelmann zu. „Rein hypothetisch kann ja auch eine schlimme Krankheit diagnostiziert werden. Mich hat es berührt, dass es ein Stück weit unsichtbar ist“. Diesen Wandlungsprozess, der ja erst einmal nicht sichtbar ist, aufzuzeigen, greifbar zu machen, sei ihr wichtig gewesen. Indem sie fotografisch die mikroskopischen Aufnahmen ihrer Gewebestrukturen in dreidimensionale keramische Oberflächen vergrößert und umgewandelt habe, hätten sie eine gewisse Haptik entwickelt. Die entstandenen Latexhäute seien zu einem nichtperiodischen, einem „wachsenden“ Mosaik zusammengefügt und zur hautähnlichen Oberfläche für ihre sechsteilige Reihung an Keramikskulpturen geworden. Jedes der sechs Objekte hat unterschiedliche Oberflächenstrukturen und zeige so den Transformationsprozess mit seiner ganz eigenen Dauer auf. „Den Zustand zwischen Gesundheit und Krankheit, dies habe ich symbolisch dargestellt.“ Die Kombination von Latex und Keramik sei es auch aufgrund der Bedingungen geworden. „Im Labor kann ich ja schlecht Lehm anschleppen“, lacht Anke Müffelmann. Hinzu käme, dass Keramik immer Spuren hinterlasse. Würde man die Skulpturen eingraben und nach tausenden Jahren wieder ausgraben, sähe die Basis noch genauso aus wie heute.

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Besonders wichtig sei ihr auch die Arbeit mit dem Laborkittel gewesen. „Der Kittel signalisiert bei EUROIMMUN die Zugehörigkeit. Er ist das Zeichen, ob ich „drin“ bin oder „draußen“. Wenn sie ihren Kittel – ihr Werk – anziehe, dann sei das ihr Selbstbildnis, ihre Auseinandersetzung mit sich selbst, so Anke Müffelmann.

Als besonders herausfordernd und interessant habe sie es empfunden, das bestehende System zum Kooperieren sowie zum Austausch zu nutzen. „Es ist toll, wie ich hier unterstützt wurde“, freut sich die Künstlerin. Axel Blankenburg, Vorstand Finanzen ergänzt: „Ich bewundere Anke Müffelmanns Kreativität.“

Das Projekt endet mit drei Abschlussausstellungen, für die es einen Katalog geben wird. Für den Herbst 2016 ist eine Ausstellung in der Kunsthalle St. Annen im Museumsquartier in Lübeck geplant. Weitere Ausstellungsorte sind 2016 die Landesgartenschau in Eutin und zum Ende des Jahres die Galerie im Marstall, Ahrensburg.

Unterstützt wird die besondere Projektidee von den Stiftungen der Sparkasse Holstein gGmbH, der Stiftung der IHK zu Lübeck „Pro Economia“ und der Possehl-Stiftung. Projektträger sind die Stiftungen der Sparkasse Holstein gGmbH.

 

Zur Person
Anke Müffelmann, geboren 1963 in Hamburg, studierte Freie Kunst und Keramik an der Muthesius Hochschule Kiel und an der Kunsthochschule Porto sowie Europäische Ethnologie, Kunstgeschichte und Linguistik an der Christian-Albrecht-Universität, Kiel. Sie lebt und arbeitet in Kiel.
www.anke-mueffelmann.de