Der Nachweis von zirkulierendem Uromodulin könnte dabei helfen, Nierenfunktionsstörungen bei Sichelzellanämie bereits zu erkennen, wenn herkömmliche Nierenmarker noch innerhalb des Referenzbereichs liegen. Dies konnte in einer kürzlich durchgeführten gemeinsamen Studie von Euroimmun, dem Universitätsklinikum Essen sowie weiteren akademischen und klinischen Partnern gezeigt werden.
Die diagnostische Herausforderung
Die Sichelzellnephropathie ist eine der Hauptursachen für Krankheit und vorzeitigen Tod bei Menschen mit Sichelzellanämie, lässt sich jedoch allein mit herkömmlichen Labortests nach wie vor nur schwer erkennen.
Das Serumkreatinin ist ein weit verbreiteter Marker der Nierenfunktion. Seine Konzentration kann aber durch eine geringe Muskelmasse, eine erhöhte tubuläre Sekretion oder eine glomeruläre Hyperfiltration reduziert werden und trügerisch niedrige Werte aufweisen, selbst wenn sich eine Nierenschädigung bereits entwickelt hat. Auch der klassische Nierenfunktionsmarker Cystatin C (CysC) kann in frühen Krankheitsstadien noch innerhalb des Normbereich bleiben. Eine Albuminurie – ein etablierter Marker für glomeruläre und tubuläre Schädigung – ist in den Anfangsphasen einer tubulären Schädigung meist nicht nachweisbar.
Was ist Uromodulin?
Uromodulin ist ein nierenspezifisches Glykoprotein, das von Epithelzellen des dicken aufsteigenden Teils der Henle-Schleife gebildet wird. Da es ausschließlich von diesen tubulären Zellen produziert wird und die Unversehrtheit der Tubuli widerspiegelt, hat es das Potenzial, eine Sichelzellnephropathie, bei der häufig bereits früh tubuläre Schädigungen auftreten, zu erkennen, bevor herkömmliche Filtrationsmarker Auffälligkeiten zeigen.
Studiendesign und die wichtigsten Ergebnisse
In dieser retrospektiven Studie wurden die Serum-Uromodulin-Konzentrationen (sUmod) bei Erwachsenen mit Sichelzellanämie mittels ELISA gemessen. Die Nierenfunktion wurde anhand von enzymatischem Serumkreatinin (e-SCr), CysC, Beta-2-Mikroglobulin (B2M), der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) sowie der Protein- und Albuminwerte im Urin beurteilt.
Niedrigere sUmod-Konzentrationen waren bei den seriellen Messungen durchgehend mit einer schlechteren Nierenfunktion assoziiert. Patienten mit niedrigeren sUmod-Werten wiesen höhere e-SCr-, CysC- und B2M-Konzentrationen auf. Der gleiche Zusammenhang zeigte sich, wenn die Nierenfunktion als eGFR, ein häufiger verwendeter klinischer Messwert, ausgedrückt wurde.
Von besonderer Bedeutung ist, dass bei einem Teil der Patienten bereits pathologisch niedrige sUmod-Konzentrationen vorlagen, obwohl sich die Werte des e-SCr und CysC noch im Normbereich befanden. Die umgekehrte Konstellation wurde hingegen nicht beobachtet. Dies deutet darauf hin, dass eine tubuläre Belastung bereits nachweisbar sein kann, bevor sich Veränderungen bei den blutbasierten Nierenmarkern oder den Filtrationsschätzwerten bemerkbar machen.
Schlussfolgerungen
Die Ergebnisse bekräftigen die Eignung von zirkulierenden Uromodulins als nierenspezifischen Biomarker, der die etablierten Messgrößen der Nierenfunktion ergänzen könnte, insbesondere wenn Kreatinin und CysC innerhalb der Referenzbereiche liegen. Dies könnte insbesondere bei jungen Erwachsenen mit Sichelzellanämie relevant sein, da in dieser Population durch Hyperfiltration und niedrige Kreatinin-Ausgangswerte ein früher Nierenfunktionsverlust verschleiert sein kann.
In explorativen Analysen zeigten Patienten unter Hydroxycarbamid im Vergleich zu unbehandelten Patienten im Mittel stabilere Verläufe der sUmod-Konzentrationen, wobei dieser Unterschied jedoch keine statistische Signifikanz erreichte. Weitere prospektive Studien sollten klären, ob serielle sUmod-Messungen die Risikostratifizierung verbessern, eine frühzeitigere Erkennung von tubulären Schädigungen ermöglichen und die Überwachung der Behandlung bei der Sichelzellnephropathie unterstützen können.
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