Auf der Lancet Neurology Autoimmune Disorder Conference kamen am 26. und 27. März 2015 internationale Experten in Barcelona zusammen, um über die neuesten Erkenntnisse zu neuronaler Autoimmunität und Zielantigenen im zentralen Nervensystem (ZNS) zu diskutieren. EUROIMMUN zählte zu den Hauptsponsoren der Konferenz.

Einen thematischen Schwerpunkt stellte der N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor (NMDAR) dar, ein wichtiges Molekül für die synaptische Reizübertragung  im Gehirn. 2007 berichtete Dr. Josep Dalmau, Wissenschaftler an der Universität von Barcelona und dem Institut für Neurologie der Universität von Pennsylvania, erstmals von einer engen Verbindung zwischen Autoantikörpern gegen NMDAR und einer speziellen Form der Enzephalitis bei zwölf Patientinnen, die deshalb den Namen Anti-NMDAR-Enzephalitis erhielt [1].

In den vergangenen acht Jahren wurde in einer großen Anzahl wissenschaftlicher Publikationen von vielen weiteren, zum Teil nachträglich identifizierten Fällen dieser Erkrankung berichtet. Daraus ergab sich ein relativ gut definiertes klinisches Bild [2, 3, 4]: In der frühen Phase der Anti-NMDAR-Enzephalitis treten häufig wenig charakteristische Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen auf. Auffällig sind dann die psychischen Anzeichen, die von Stimmungsschwankungen und erhöhter Ängstlichkeit über Halluzinationen bis zu schweren Verhaltensstörungen reichen. In der sich anschließenden Phase reagieren die Patienten nicht mehr auf äußere Reize oder eine direkte Ansprache, wirken apathisch und verharren in einer starren Körperhaltung. In vielen Fällen erleiden die Patienten auch epileptische Anfälle und motorische Störungen (Dyskinesien), zum Beispiel unwillkürliche Bewegungen der Gliedmaßen oder eine Verkrampfung des Kiefers. In der Phase der „autonomen Instabilität“ kommt es schließlich zu Herzrhythmusstörungen, Blutdruck- und Körpertemperaturschwankungen und Hypoventilation. Häufig sind junge Frauen betroffen. Bei etwa 50 bis 60 Prozent tritt die Gehirn­entzün­dung parallel zu einem Tumor auf (Paraneoplasie; bei Frauen häufig Ovarialteratome). Die meisten diagnostizierten Patienten erholen sich bei entsprechender Therapie verblüffend schnell. Als wichtigste Behandlungsmethoden gelten derzeit die Suppression des Immunsystems sowie die Entfernung des Tumors, sollte einer vorliegen. Bleibt die Erkrankung jedoch unbehandelt, kann sie zu schweren Folgeschäden oder zum Tod führen.

Das Auftreten psychiatrischer Symptome macht es trotz des fortschreitenden Kenntnisstandes zunächst schwer, diese Form der Gehirnentzündung zu diagnostizieren [1]. Viele Patienten werden mit Verdacht auf Psychosen zunächst in eine psychiatrische Behandlung überwiesen. Auch die bei Enzephalitis üblichen Tests und Untersuchungen wie Magnetresonanztomographie (MRT) ergeben oft keine eindeutigen Hinweise auf die Krankheit. Die richtungsweisende Diagnose „Anti-NMDAR-Enzephalitis“ erfolgt durch den spezifischen Nachweis der Anti-NMDAR-Autoantikörper (gerichtet gegen die extrazelluläre Domäne der Untereinheit NR1 [4]) im Blutserum und Liquor der Patienten [2]. Indirekte Immunfluoreszenztests (IIFT) gelten als besonders sensitive Nachweismethode. Als Substrate dienen sowohl neuronale Gewebe (Ratte Hippocampus, Kleinhirn) als auch transfizierte Zellen (HEK293), die NMDAR (NR1/NR2 Untereinheiten) exprimieren [2, 3, 4, 5]. Derartige standardisierte Anti-NMDAR-IIFT sind mittlerweile kommerziell für die Diagnostik erhältlich (EUROIMMUN IIFT-Mosaike für die Neurologie) [5].

International anerkannte Wissenschaftler und Ärzte aus dem Feld der neuronalen Autoimmunerkrankungen zählten zu den Referenten der Konferenz, darunter Josep Dalmau (Erstbeschreibung der Anti-NMDAR-Enzephalitis; University of Pennsylvania, USA und University of Barcelona, Spanien), Francesc Graus (University of Barcelona, Spanien) und Vanda Lennon (Mayo Clinic College of Medicine, Rochester, USA). Als besondere Gastrednerin wurde Susannah Cahalan aus den USA begrüßt. Sie erkrankte 2009 mit 24 Jahren an der Anti-NMDAR-Enzephalitis. Erst nach Wochen schwerer Halluzinationen, Paranoia und Krampfanfällen sowie vieler ergebnisloser Untersuchungen kam der hinzugezogene Spezialist Souhel Najjar auf die Spur der Erkrankung. Bereits wenige Wochen nach ihrer Diagnose konnte Susannah Cahalan die Klinik verlassen. 2012 veröffentlichte sie ein Buch („Brain on Fire“) über die durchlebte Zeit, rekonstruiert aus den wenigen eigenen Erinnerungen sowie den Aufzeichnungen der Ärzte und ihres Vaters, und hält seitdem auch Vorträge in Krankenhäusern und an Universitäten.

Hinweise zu weiteren Berichten über Patienten mit Anti-NMDAR-Enzephalitis finden Sie auch in unserem Beitrag “Immunsystem gegen Nervensystem: Anti-NMDAR-Enzephalitis“.

[1] Dalmau et al., Ann Neurol. 2007, 61(1): 25–36. [2] Prüß et al., Nervenarzt 2010. [3] Peery et al., Autoimmun Rev 2012, 11: 863-872. [4] Dalmau et al., Lancet Neurol 2008. [5] Wandinger et al., J Neuroimmunol 2011, 231: 86-91.